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Blog 2006

BROKENMUSES IN ARGENTINIEN UND URUGUAY

28.  Februar 2006 – Buenos Aires

Ich bin der örtlichen Verrückten begegnet: Eine alte Dame, hexenartig, in schwarzem, wallenden Rock und ebensolcher Bluse, die eine Puppe an sich gedrückt hielt. Zuerst habe ich gedacht, dass sie eine gewöhnliche Großmutter ist, der das Enkelkind gerade stiften gegangen ist und die in einer mittleren Panik die Puppe umklammert. Aber nein: weit und breit kein Enkelkind, vielmehr hat sie ununterbrochen auf diese Puppe eingeredet. Den Verfolgungswahn, den ich ihr sofort angedichtet habe, habe ich natürlich sofort selbst bestätigt, indem ich sie mit der Kamera verfolgt habe. Wenn ich versucht habe, ihr einen Schritt voraus zu sein, hat sie die Straßenseite gewechselt, die fünfspurig war, was es nicht immer leicht gemacht hat, ihr auf den Fersen zu bleiben. Irgendwann habe ich dann auch ein Foto machen können, wobei ich sicher bin, dass ich die Stimmung und ihr Verhalten leider nicht auf den Film bannen habe können. Schade, aber dennoch.

1. März 2006 – Buenos Aires – Recoleta

Die beiden Friedhöfe, die ich besichtigt habe, sind malerisch, Totenstädte. Pomp, Pflastersteine dazwischen, Haus and Haus, Gräber in dem Sinn gibt es keine, sondern nur Grabmale, Gruften enormen Ausmaßes. Und viele Katzen. Ich wurde von einer kleinen, ominösen Sekte in eine Gruft hinein- oder besser gesagt hinunter gebeten. Unheimlich. Konnte nach Ableisten eines Obulus der Gruft ohne weitere Verpflichtungen wieder entsteigen.

2. März 2006 – Buenos Aires – La Boca

La Boca, das alte Hafenviertel, ist auch sehr malerisch, aber sehr touristisch. Dort sind die Häuser wie fast auch sonst überall niedrig, aber aus Wellblech und bunt. Das wird natürlich ausgeschlachtet. An jeder Ecke hört man Tango, maskierte Pärchen stehen bereit, jedem (männlichen) Passanten einen Hut aufzusetzen und ihn mit der bereitstehenden Dame in Netzstrümpfen für ein Foto in eine Tangopose zu schwingen. Für die Damen gibt es den entsprechend gekleideten Herren, mit Hut und Anzug. Sonst schmettern selbsterklärte Tangosänger ihre Lieder und man wünscht sich Sinatras „strangers in the night“, die als Pausenmelodie eingespielt werden, als Hauptprogramm.

3. März 2006 – Buenos Aires

Nach vier Tagen in Buenos Aires und habe denke ich das wichtigste bereits gesehen. Hierher kommen wollte ich ja ursprünglich wegen einem Viertel, das Palermo Viejo heißt. Angeblich gibt es dort Künstler, die sich die Werkstatten mit Automechanikern teilen. Ich habe viele Werkstätten gefunden, bin Palermo Viejo großteils durchwandert (ein großer Stadtteil), leider habe ich aber nirgends diese ominösen Künstlergaragen finden können. Schade. Trotzdem ist dieser Teil einer der interessantesten.

5. März 2006 – Montevideo

Montevideo ist sehr interessant, ganz anders als Buenos Aires. Es ist irgendwie heruntergekommen, sieht aus wie eine Stadt in Osteuropa, der einzige Unterschied ist, dass alles auf Spanisch angeschrieben ist. Und dass überall auf der Strasse Matetee getrunken wird. Montevideo ist sozusagen das genaue Gegenteil zu Belgien, es gibt keine Straßenbeleuchtung. Das macht es abends unheimlich und verwegen. Selbst ein Liebespaare oder unbescholtene Alte auf Parkbänken wirken bedrohlich und sind potentiell finstere und illustre Gestalten. Tagsüber sieht die Sache natürlich wieder ganz anders aus: ruhig, nichts ist los, Kleinstadtatmosphäre.
Auf dem riesigen (Floh)markt glaube ich, ein paar sehr gute Bilder gemacht zu haben. Eine Frau beim Zähneputzen hinter ihrem Stand mit alten Ziehharmonikas, ein paar hingeworfene Puppenköpfe, ein Griller aus einem auseinander geschnittenen Ölfass samt Würsteln, die gegrillt werden und einem Bettpfosten, der zu diesem Zweck verheizt wird. Blecherne, völlig verrostete Nummernschilder und überall Taschenuhren.

6. März 2006 – Montevideo – Ushuaia

Heute bin ich von Montevideo über Buenos Aires nach Ushuaia geflogen. Eine sehr lange und anstrengende Anreise, die vor allem zum Schluss sehr turbulent war. Ich habe glaube ich noch nie einen derart windigen Anflug erlebt und bin froh, heil angekommen zu sein. Aber wie hat schon die Oma immer gesagt? Hinunter sind noch alle gekommen…

7. März 2006 – Ushuaia

Ushuaia wird als Ende der Welt ausgeschlachtet. Darüber hinaus gibt es wo man hinschaut, Pinguine. Direkt unheimlich, Pinguine als Schaufensterpuppen (sehr zu meinem Leidwesen), ein Pinguin Mitten im Feuerlandnationalpark als Denkmal vor dem südlichsten Postamt der Welt, Pinguine als Schmuckstücke und Pinguine zum Verpacken der Schmuckstücke.

8. März 2006 – Ushuaia

Der Feuerlandnationalpark war sehr beeindruckend. Wunderschöne Seen und Ausblicke auf den Beaglekanal. In Ushuaia habe ich beide Museen gesehen, das Museo del Fin del Mundo – alles, was man über die Entdeckung und bisherige Entwicklung der Gegend samt allen gescheiterten Expeditionen und gesunkenen Schiffen wissen muss in 5 übersichtlichen Räumen – und das Museo Maritmo, das im ehemaligen Gefängnis untergebracht ist.
Man kann Ushuaia mit Australien vergleichen, es ist zwar wesentlich kleiner, aber dennoch: man hat um 1880 versucht, im Gefängnis die Schwerstverbrecher unterzubringen, wobei der Assistent des Direktors auch ein verurteilter Mörder war. Wodurch er sich hochgedient hat, blieb im Dunkeln. Wie auch immer, wollte hier kein bloßes Gefängnis errichten, sondern das Gefängnis als Kolonie mit anfangs 20 Mann verstehen. Die eigentliche Absicht war, die unwirtliche Gegend zu bevölkern. Etwas eigen, aber nun ja.
Einem der Hauptverbrecher wurde übrigens nachgesagt, seine Verbrechensneigung käme von den Ohren (!); die plastische Operation hat leider nichts eingebracht, er verstarb ungeläutert und mit – nach der Operation – abstehenden Ohren.

9. März 2006 – El Calafate

Der Pertito Moreno Gletscher im Todos las Glaciares Nationalpark war denke ich das beeindruckendste, was ich jemals an Natur gesehen habe. Er bildet die riesige natürliche Grenze zwischen den beiden Armen des Lago Argentino und wechselt je nach Licht-, Sonnen- und Wolkenverhältnissen die Blauschattierung. Ich kann das Gefühl wie es ist, wenn sich krachend ein Stück aus der Gletscherwand löst und mit Getöse in den See fällt, kaum beschreiben. Ich hätte Stunden und wahrscheinlich Tage nur dort sitzen mögen und dem Schauspiel zusehen!
El Calafate ist ein sympathisches Dorf entlang einer Hauptstrasse und zeichnet sich wie Ushuaia durch Pinguine aus, die hier allerdings mit Schafen variiert werden. Die Schafe (die aus Plüsch) tragen teilweise Ohrenschützer.

10. März 2006 – El Calafate – Los Glaciares

Die Färbung der Gletscher im Los Glaciares Nationalpark http://www.losglaciares.com/ ist überwältigend. Das dunkle, helle, weißliche oder wie auch immer geartete Blau der aus dem türkisblauen Wasser des Lago Argentino ragenden Eisblöcke ist unbeschreiblich.
An Bord des Schiffes hat mich eine Argentinierin angesprochen, die mir folgende Weisheit mit auf den Weg gegeben hat: „we are all the architects of our own destiny“. Darüber hinaus war sie nicht davon abzubringen, dass ich vergangene Woche beim U2-Konzert in Buenos Aires gewesen sein müsse, vor allem, weil U2 Recht hätte, U2 nämlich für den Weltfrieden wäre und folglich auch ich absolut Recht hätte, indem ich nämlich pro U2 und daher pro Weltfrieden wäre. Abgesehen davon sei ihr Lieblingslied „what a wonderful world“. Ich konnte das nur noch mit einer zustimmenden, auf den wunderschönen Lago Argentino und die Gletscher weisenden Geste bestätigen, dann mussten wir uns zum Anlegen hinsetzten.

11. März 2006 – El Calafate – Perito Moreno Gletscher die zweite

Wenn ein Naturschauspiel beeindruckend ist, dann ist es dieser Gletscher. Ich musste unbedingt noch einmal hinfahren. Der Gletscher bildet die natürliche Grenze zwischen den beiden Armen des Lago Argentino. Alle heiligen Zeiten stauen sich am Suedarm die Wassermassen auf und der immense Druck bewirkt, dass sich eine Höhle formt, durch die das Wasser durchbricht. Es ist unvorstellbar, wie schön diese Höhle ist! Blau schimmernd und dann und wann brechen riesige Stücke aus der Höhlendecke und fallen ins Wasser.
Wikipedia schreibt dazu folgendes: „Durch das ständige Vorrücken blockiert er alle vier bis zehn Jahre einen Nebenarm des Lago Argentino, den Brazo Rico. Dadurch wächst der Wasserspiegel in dem von Flüssen gespeisten südlichen Teil dieses Arms rapide an, was schließlich nach kurzer Zeit zum Zusammenbruch des gesamten vorderen Teils des Gletschers führt. Dieses kaum vorhersehbare Spektakel ist eines der größten und berühmtesten Naturschauspiele der Welt. Es ruft jedesmal viele Touristen und Dokumentarfilmer zum Gletscher. Die letzten beiden Vorstellungen des Gletschers waren 1988 und März 2004.“

12. März – Oh it is Sunday? Must be Buenos Aires…

Die Taxifahrer in El Calafate unterscheiden sich von denen in Buenos Aires sehr deutlich. In Calafate baumelt ein Wunderbaum der Marke „Pinie“ vom Rückspiegel, in dessen Baumzacken sich ein weißer Plastikrosenkranz verfangen hat. Das Entwirren von Baum und Rosenkranz hat den Fahrer dort ein wenig vom eigentlichen, nämlich dem Fahren abgelenkt. Im direkten Vergleich mit dem Taxler in Buenos Aires war des allerdings eher harmlos; der hat nämlich bei den Für unsere Fahrt anscheinend wesentlichen Verkehrsschildern eine Art Zwicker vor die Brille gehalten… Ansonsten war er aber mehr als aufmerksam und hat bei meinen Versuchen, den am Autobahnrand Globen anbietenden Fliegenden Händler zu photographieren bravourös gebremst und mit gelitten, weil das Licht so gar nicht passen wollte.

13. März – Salta

Salta ist wirklich sehr schön. Kolonial geprägt, sehrt entspannt und hat viele nette Details. Zum Beispiel gibt es an jeder Ecke Aschanti zu kaufen. Abends werden auch andere Formen von Erdnüssen verkauft, dann allerdings von Männern, die die Nüsse in zu kleinen Zügen umgebauten dreirädrigen Fahrrädern rösten. Mit den Zügen können sie übrigens auch hupen und Dampf erzeugen, sehr originell!

14. März 2006 – Salta

Nachdem erstmal alles nach einem völlig verquerten Tag, der um 5h morgens beginnt und kurz vor 6h schon wieder endet sich alles kurzfristig dann doch zum besten gewendet. Ein unbeschreiblich schöner Ausflug hat mich bis auf 4200 m Höhe mit Blick auf die 6000ender der Anden geführt. Vielfach gefärbte Berge (Gesteinssedimente in zigfachen Farbschattierungen) werden gesäumt von Kakteenwäldern wie in Lucky Luke Comics. Und überall diese Weite.
Von Salta fuhren wir durch den Regenwald bis hinauf nach Purnamarca und weiter zu den Salinas Grandes. Die Salzfelder reichen bis zum Horizont und erwecken auf kurze Distanz immer wieder den Eindruck, Wasser oder Seen zu sein.
Was mich eigentlich nach Salta geführt hat, war der Treno a las Nubes, ein Zug, der über die Anden führt, „bis in die Wolken“. Ich wusste von vornherein, dass der Zug im Moment außer Betrieb ist, wollte aber dennoch die architektonische Meisterleistung sehen, die zig Viadukte und Spiralen, mit denen der Zug die Höhe überwindet. Wir sind ziemlich am Ende der langen Tagestour dort angekommen und haben uns gerade eines der Viadukte zu Fuß besichtigt, als tatsächlich ein Zug kam. Anscheinend hatte man aufgrund von mittelschweren Vermurungen auf der Strecke beschlossen, den Zug zum Transport für Baumaschinen zu nutzen. In Anbetracht dessen, dass der Zug aber „eigentlich“ nicht hätte fahren dürfen, war das schon fast mehr als Zufall.

15. März 2006 – Iguazú

Die Wasserfällen von Iguazú und der dazugehörige Nationalpark sind beeindruckend. Riesige Schmetterlinge in blau, rot und gelb haben mich von den „Achtung Schlagen“ Zeichen und den Menschen, die darauf mit überdrehten Augen und wankend dargestellt werden, abgelenkt. Wäre ich nicht ab und an mehr oder weniger über ein Krokodil gestolpert (ich übertreibe), hätte ich nichts anderes zu tun gehabt, als von der Natur fasziniert zu sein. Der so genannte „Teufelsschlund“ und das Postkartenpanorama der Wasserfälle entschädigen für einen 9-stündigen Marsch durch den Park bei 43 Grad.

16. März 2006 – Letzter Tango in Buenos Aires

Jetzt wäre ich fast noch in Stress geraten, ob der letzten „Verpflichtungen“ in Buenos Aires: Massage, Tangoschuhe kaufen, aufmascherln und in eine der urigsten Tango-Tanzschulen fahren. Da die Leider hier leider eher spät ausgehen, war der Tanzkurs am frühen Abend eher spärlich besucht. Vor Mitternacht war nur ein wunderbares Tanzpaar zu beobachten: die Reinkarnation von Salvador Dali in seinen frühen 80-ern, der mit einer Schönheit um die 20 getanzt hat. Die Showeinlage der lokalen Stars um 1:30 morgens habe ich leider nicht mehr abwarten können.

17. und 18. März 2006 – Wien

Rückreise nach Wien.

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